Welche Hautbereiche dauerhaft haarfrei sein sollten, richtet sich nach dem Spenderareal und der späteren Funktion der Haut
Die Haarentfernung vor einer Phalloplastik unterscheidet sich in einem entscheidenden Punkt von vielen anderen geschlechtsangleichenden Operationen: Nicht jede Haut muss bereits vor der Operation dauerhaft haarfrei sein. Entscheidend ist, welche Funktion die transplantierte Haut später übernimmt.
Welche Bereiche behandelt werden sollten, hängt unter anderem vom verwendeten Spenderareal und der späteren Verwendung der Haut ab. Dieser Artikel erklärt die Besonderheiten der Haarentfernung vor einer Phalloplastik.
Nicht jede transplantierte Haut muss dauerhaft haarfrei sein
Ein häufiger Irrtum besteht darin, dass sämtliche Haut, die für eine Phalloplastik verwendet wird, bereits vor der Operation vollständig haarfrei sein muss. Tatsächlich kommt es jedoch darauf an, welche Funktion die transplantierte Haut später übernimmt.
Besonders relevant sind Hautbereiche, die zur Rekonstruktion einer Neoharnröhre vorgesehen sind. Verbleiben dort Haare, können diese auch nach der Operation weiter wachsen. Da diese Bereiche später nur eingeschränkt oder gar nicht mehr für eine Haarentfernung zugänglich sind, empfehlen viele spezialisierte Zentren, diese Haut bereits vor der Operation dauerhaft haarfrei zu machen.
Anders kann die Situation bei Haut sein, die ausschließlich die äußere Oberfläche des Neopenis bildet. Da diese Bereiche nach der Operation grundsätzlich weiterhin zugänglich sind, kann eine nachträgliche Haarentfernung – abhängig von der individuellen Situation – häufig noch möglich sein. Ob eine Behandlung bereits vor der Operation sinnvoll ist, richtet sich unter anderem nach der Operationsplanung, dem Haarwuchs und den persönlichen Wünschen der betroffenen Person.
Welche Hautbereiche vor der Operation dauerhaft haarfrei sein sollten, legt daher nicht die Operationsbezeichnung allein fest. Entscheidend ist vielmehr, welche Gewebeanteile für welche anatomischen Strukturen vorgesehen sind. Aus diesem Grund unterscheiden sich die Empfehlungen teilweise zwischen verschiedenen Operationszentren und Operationsverfahren.
Zwei Personen können dieselbe Operationsmethode erhalten und trotzdem unterschiedliche Vorgaben für die Haarentfernung bekommen. Der Grund ist, dass nicht allein die Operationsmethode entscheidend ist, sondern welche Haut später für welche anatomische Struktur verwendet wird.
Welche Spenderareale kommen bei einer Phalloplastik infrage?
Bei einer Phalloplastik wird der Neopenis in der Regel aus körpereigenem Gewebe rekonstruiert. Dafür können – abhängig von der gewählten Operationstechnik und der individuellen Ausgangssituation – unterschiedliche Spenderareale verwendet werden. Zu den häufigsten zählen der Unterarm (Radial Forearm Flap, RFF), der Oberschenkel (Anterolateral Thigh Flap, ALT), der Rücken (Latissimus-dorsi-Lappen) sowie in bestimmten Fällen die Bauchregion.
Für die Haarentfernung ist jedoch weniger der Name des Operationsverfahrens entscheidend als vielmehr das tatsächlich verwendete Spenderareal. Je nachdem, welche Haut entnommen wird und welche Funktion sie später übernimmt, können sich die Anforderungen an die dauerhafte Haarentfernung deutlich unterscheiden.
Aus diesem Grund gibt es keine allgemeingültige Aussage darüber, welche Körperregionen vor einer Phalloplastik behandelt werden müssen. Zwei Personen mit derselben Operationsmethode können unterschiedliche Vorgaben erhalten, beispielsweise wenn sich das Spenderareal, die geplante Harnröhrenrekonstruktion oder das operative Vorgehen unterscheiden.
Erst wenn das Operationsteam das Spenderareal festgelegt hat, lässt sich zuverlässig beurteilen, welche Hautbereiche dauerhaft haarfrei sein sollten. Deshalb empfiehlt es sich, die Haarentfernung immer anhand der individuellen Operationsplanung und nicht ausschließlich auf Grundlage allgemeiner Erfahrungsberichte oder Informationen aus dem Internet zu planen.
Muss immer der gesamte Unterarm oder Oberschenkel behandelt werden?
Nein. Ein häufiger Irrtum besteht darin, dass vor einer Phalloplastik der gesamte Unterarm oder Oberschenkel dauerhaft haarfrei sein muss. Tatsächlich wird in den meisten Fällen nur der Hautbereich behandelt, der später als Spenderareal verwendet werden soll.
Wie groß dieser Bereich ist, kann je nach Operationsverfahren und operativer Planung unterschiedlich sein. Während manche Zentren eine größere Fläche empfehlen, konzentrieren sich andere auf den tatsächlich benötigten Hautanteil. Deshalb können sich die Empfehlungen verschiedener Kliniken unterscheiden, ohne dass eine davon grundsätzlich falsch ist.
Aus diesem Grund sollte die Haarentfernung nicht pauschal auf den gesamten Unterarm oder Oberschenkel ausgedehnt werden. Eine gezielte Behandlung des vorgesehenen Spenderareals ist in der Regel sinnvoller als eine unnötig große Behandlungsfläche.
Kann eine Haarentfernung auch nach der Phalloplastik noch erfolgen?
Ob eine Haarentfernung nach der Operation noch möglich ist, hängt in erster Linie davon ab, an welcher Stelle sich die Haare befinden.
Befinden sich einzelne Haare auf der äußeren Haut des Neopenis, kann eine nachträgliche Behandlung in vielen Fällen grundsätzlich noch durchgeführt werden. Je nach Haarfarbe und individueller Situation kommen dabei Laser oder Elektroepilation infrage.
Anders verhält es sich bei Hautbereichen, die nach der Operation nicht mehr oder nur eingeschränkt zugänglich sind. Ist dort noch Haarwuchs vorhanden, kann eine nachträgliche Behandlung deutlich schwieriger sein oder zusätzliche Eingriffe erforderlich machen.
Aus diesem Grund ist es sinnvoll, bereits vor der Operation sorgfältig zu planen, welche Bereiche dauerhaft haarfrei sein sollten. Gleichzeitig bedeutet dies jedoch nicht, dass jeder verbliebene Haarwuchs zwangsläufig ein dauerhaftes Problem darstellt. Ob und welche Behandlung nach der Operation sinnvoll ist, muss immer anhand der individuellen Situation beurteilt werden.
Häufige Missverständnisse vor einer Phalloplastik
Rund um die Haarentfernung vor einer Phalloplastik kursieren zahlreiche pauschale Aussagen. Viele davon treffen jedoch nicht auf jede Operationsmethode oder jede individuelle Situation zu.
„Vor einer Phalloplastik muss immer der komplette Unterarm haarfrei sein.“
Das lässt sich nicht allgemein sagen. Welche Hautbereiche behandelt werden sollten, richtet sich nach der geplanten Rekonstruktion und dem tatsächlich benötigten Spenderareal.
„Nach der Operation ist eine Haarentfernung nicht mehr möglich.“
Diese Aussage ist ebenfalls zu pauschal. Während einige Bereiche nach der Operation nur eingeschränkt zugänglich sind, kann eine Behandlung der äußeren Haut des Neopenis in vielen Fällen grundsätzlich auch später noch möglich sein.
„Alle Kliniken haben dieselben Vorgaben.“
Die Anforderungen können sich zwischen verschiedenen Operationszentren unterscheiden. Unterschiedliche Empfehlungen bedeuten daher nicht zwangsläufig, dass eine davon falsch ist.
Fazit
Für die Haarentfernung ist nicht entscheidend, welches Operationsverfahren geplant ist. Entscheidend ist vielmehr, welche Funktion die transplantierte Haut später übernimmt.
- Haut für die Neoharnröhre: Eine präoperative Haarentfernung wird bei vielen Phalloplastik-Konzepten empfohlen.
- Äußere Haut des Neopenis: je nach individueller Situation kann eine nachträgliche Haarentfernung häufig noch möglich sein.
Häufige Fragen zur Haarentfernung vor einer Phalloplastik
Muss die Haut für die Neoharnröhre dauerhaft haarfrei sein?
Bei vielen Phalloplastik-Konzepten wird empfohlen, die für die Neoharnröhre vorgesehene Haut bereits vor der Operation dauerhaft haarfrei zu machen. Verbliebene Haare können später unter anderem Infektionen, Steinbildung oder weitere urologische Komplikationen begünstigen, während eine nachträgliche Haarentfernung in diesem Bereich häufig nur eingeschränkt oder gar nicht mehr möglich ist.
Muss vor jeder Phalloplastik eine Haarentfernung erfolgen?
Nicht zwangsläufig. Ob und welche Körperbereiche dauerhaft haarfrei sein sollten, hängt unter anderem von der gewählten Operationsmethode und den verwendeten Spenderarealen ab.
Muss immer der komplette Unterarm behandelt werden?
Nein. Häufig wird nur der Hautbereich behandelt, der später tatsächlich als Spenderareal dient. Die Größe dieses Bereichs kann je nach Operationsverfahren und Klinik unterschiedlich sein.
Kann auch der Oberschenkel als Spenderareal verwendet werden?
Ja. Neben dem Unterarm kommen je nach Operationsmethode unter anderem auch der Oberschenkel, der Rücken oder die Bauchregion als Spenderareale infrage.
Warum unterscheiden sich die Empfehlungen verschiedener Kliniken?
Operationsverfahren und chirurgische Techniken können sich zwischen den Zentren unterscheiden. Dadurch können auch die Anforderungen an die präoperative Haarentfernung variieren.
Kann die äußere Haut des Neopenis auch nach der Operation behandelt werden?
Ist die äußere Haut weiterhin gut zugänglich, kann eine nachträgliche Haarentfernung je nach individueller Situation häufig noch möglich sein. Ob dies sinnvoll ist, hängt unter anderem vom Haarwuchs und den persönlichen Wünschen ab.
Kann sich das benötigte Spenderareal im Verlauf der Planung noch ändern?
Ja. Je nach individueller Situation oder Änderungen der Operationsplanung kann sich auch das vorgesehene Spenderareal ändern.
Kann ich mich bei der Planung an Erfahrungen anderer Betroffener orientieren?
Erfahrungsberichte können hilfreiche Einblicke geben. Da sich Operationsverfahren und individuelle Voraussetzungen jedoch unterscheiden, lassen sich daraus keine allgemeingültigen Empfehlungen ableiten.
Ist eine Haarentfernung auch ohne Harnröhrenverlängerung erforderlich?
Das hängt von der jeweiligen Operationsmethode und den verwendeten Hautbereichen ab. Die Anforderungen können sich von Eingriffen mit Harnröhrenverlängerung unterscheiden.
Wo finde ich allgemeine Informationen zur Haarentfernung vor einer geschlechtsangleichenden Operation?
Grundlegende Informationen zu Laser, Elektroepilation, Zeitplanung und den verschiedenen Operationsverfahren finden Sie in unserem Ratgeber „Haarentfernung vor einer geschlechtsangleichenden Operation (GaOP)“.
Was ist, wenn ich bereits mit der Haarentfernung begonnen habe und sich das Operationsverfahren ändert?
Eine Änderung der Operationsplanung bedeutet nicht automatisch, dass die bisherigen Behandlungen umsonst waren. Ob weitere Hautbereiche behandelt werden müssen oder bereits behandelte Areale ausreichend sind, hängt von der neuen Operationsmethode und dem vorgesehenen Spenderareal ab.
Informieren Sie Ihre Praxis für Haarentfernung möglichst früh über Änderungen der Operationsplanung. So kann beurteilt werden, ob die Behandlung angepasst oder auf weitere Hautbereiche ausgeweitet werden sollte.
Quellen
- Zhang WR, Garrett GL, Arron ST. Laser Hair Removal for Genital Gender-Affirming Surgery. Translational Andrology and Urology. 2016;5(3):381–387. doi:10.21037/tau.2016.03.27.
- Alba B, Levine JP, Bluebond-Langner R, et al. Gender-Affirming Phalloplasty: A Comprehensive Review.Journal of Clinical Medicine. 2024;13(19):5972. doi:10.3390/jcm13195972.
- Pigot GLS, van der Sluis WB, et al. Neourethral Hair Growth and Its Effects on Voiding After Phalloplasty.European Urology Focus. 2020;6(5):1008–1013. doi:10.1016/j.euf.2019.04.011.
- Coleman E, Radix AE, Bouman WP, et al. Standards of Care for the Health of Transgender and Gender Diverse People, Version 8. International Journal of Transgender Health. 2022;23(Suppl 1):S1–S259. doi:10.1080/26895269.2022.2100644.
Weiterführende Informationen
- TransActual UK. Hair Removal Prior to Phalloplasty Surgery – Patient Information Leaflet.
Fachlich geprüft von Julia Butz
Heilpraktikerin und Geschäftsführerin von H&H trifft Medizin. Spezialisiert auf dauerhafte Haarentfernung mittels Laser und Elektroepilation sowie die Begleitung von Patientinnen und Patienten vor geschlechtsangleichenden Operationen.
H&H trifft Medizin begleitet seit 2016 Patientinnen und Patienten aus dem gesamten DACH-Raum und hat insgesamt mehr als 25.000 Behandlungen durchgeführt. Die Inhalte basieren auf aktueller Fachliteratur, internationalen Leitlinien sowie der langjährigen Praxiserfahrung.
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Weitere Informationen
Allgemeine Informationen zu Laser, Elektroepilation, Haarzyklus, Zeitplanung und weiteren geschlechtsangleichenden Operationen finden Sie im Leitfaden Haarentfernung vor geschlechtsangleichenden Operationen (GaOP).
